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#FragMiriam

Der Blog über Kinderwunsch, Sexualität und Partnerschaft

Outing - Neujahrsvorsätze der befreienden Art

Neues Jahr, neues Glück! Alles soll besser werden! Dieses Mantra verbirgt sich hinter den alljährlichen Neujahrsvorsätzen. Der Beginn eines Jahres ist für viele Menschen traditionell eine Zeit, das letzte Jahr nochmal Revue passieren zu lassen und sich für das Kommende gute Vorsätze vorzunehmen. Die überfällige Diät, der dringend benötigte Sport, mehr Zeit für sich und seine Lieben zu reservieren, sind nur einige der vielen Vorsätze, die allerdings häufig nach kurzer Zeit wieder über Bord geworfen oder nur halbherzig umgesetzt werden. Vielleicht ist das so, weil es dabei um Dinge geht, die von der Gesellschaft und einem selbst als wünschenswert angesehen werden, aber nicht existenziell sind. Aber was wenn es sich umgekehrt verhält und statt Oberflächlichkeit und Lifestyle die eigene Identität im Fokus steht? Was wenn es darum geht sich anderen zu offenbaren? Kann ein Outing ein guter Neujahresvorsatz sein?

Der Begriff Outing ist insbesondere mit der LGBTQIA* Bewegung assoziiert und beschreibt das öffentlich machen der sexuellen Orientierung und Identität. Denkt man ihn weiter, betrifft er in der Konsequenz auch ganze Lebens-/Liebesmodelle und Communitys; insbesondere solche Menschen, die abseits der konventionellen Beziehungsmodelle sex-positiv, in einer offenen Beziehung oder polyamor leben. All diese Beziehungsformen und sexuellen Identitäten haben häufig gemein, dass sie nicht dem gesellschaftlichen Mainstream entsprechen, der über Tradition, Religion, Kulturkreis, in Filmen, Büchern und heteronormativen Datingshows vermittelt wird. 

Sich selbst erkennen

Einen Gegenentwurf zu dieser Erzählung zu leben erfordert ein Bekenntnis zu den eigenen Gefühlen. Frei auf die Art und Weise zu leben und zu lieben wie man fühlt und ist, klingt so logisch und selbstverständlich wie es nur sein kann. Die eigenen Emotionen und Bedürfnisse erst einmal anzuerkennen ist allerdings für sich genommen nicht immer einfach. Wer bin ich? Wie oder wen liebe ich? Um Antworten auf diese Fragen zu finden bedarf es Selbstreflexion und Ehrlichkeit, gespickt mit emotionalen Höhen und Tiefen, Selbstzweifeln, Verunsicherung, Eifersucht und Tatendrang. Den eigenen Gefühlen und der Identität öffentlich Ausdruck zu verleihen erfordert darüber hinaus Mut. Für viele Menschen ist es ein großer Schritt sich zu den Lebensentwürfen abseits von heteronormativen oder konventionellen Liebes- und Lebensmodellen zu bekennen. 

Was für ein schöner Augenblick, nach all diesen Gedanken mit sich im Reinen zu sein und den eigenen Liebesstil gefunden zu haben. Man könnte die Welt umarmen. Aber die Welt weiß ja vielleicht gar nichts davon…

… und dann ist der Moment da – wie sag ich es meinen Lieben?

So nah einem selbst auch die intensive, gedankliche Beschäftigung mit dem Thema ist; für viele Menschen ist sie sehr weit weg von ihrer Alltagsrealität und eventuell moralisch vorbelastet. Und ja, es gibt sicher auch Menschen, welche die neuen Informationen nicht annehmen wollen oder können und bei denen Vorsicht geboten ist. Ist die Katze aus dem Sack, geht sie katzentypisch nicht mehr hinein. Auch wenn die persönliche Ausrichtung keine Bedeutung für den beruflichen Erfolg haben sollte, so haben manche Menschen weiterhin Vorurteile. Daher ist es wichtig sich vorher gut zu überlegen, ob die ganze Welt der Adressat der Botschaft ist. Über einige Eckpunkte lohnt es sich im Vorhinein nachzudenken. Was ist eine gute Gelegenheit? Wem sage ich es zuerst? Gibt es jemanden bei dem ich mich sicherer fühle und der hinter mir steht? Wie bringe ich es so rüber, dass es möglichst gut verstanden werden kann? Wo ist meine Grenze? Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Fragen, die einem durch den Kopf gehen können. Um es gleich zu sagen: Es gibt kein Patentrezept. Allerdings kann man einige Antworten auf die Fragen finden und so Fettnäpfchen umgehen. 

Was für ein schöner Augenblick, nach all diesen Gedanken mit sich im Reinen zu sein und den eigenen Liebesstil gefunden zu haben. Man könnte die Welt umarmen. Aber die Welt weiß ja vielleicht gar nichts davon…

Die Gelegenheit

Oma Friedas 80. Geburtstag, Weihnachten oder die Hochzeit des Cousins… es gibt immer Gelegenheiten mit der Familie und nahen Freunden zusammenzukommen. Allerdings ist das nicht zwangsläufig die geeignete Situation, um ein so persönliches Thema anzusprechen. Daher sollte nicht unbedingt einen Anlass gewählt werden, bei dem der Fokus auf einer bestimmten Person oder dem Event an sich liegt. 

Auch der gemütliche Grillabend bei den Eltern mit den Nachbarn ist keine optimale Voraussetzung. In einer Gruppe verhalten sich Mensch häufig anders als alleine. Es könnte daher sein, dass die Reaktion auf die Neuigkeit durch den sozialen Kontext verändert wird. Vielleicht wird sie aus Irritation oder Scham auch gar nicht in einer Weise beachtet, die ihr gerecht wird. Dem Thema keinen zeitlichen Raum zu geben und es sprichwörtlich zwischen Tür und Angel anzusprechen ist eher ein Garant für Missverständnisse, als für Verständnis.

Ein guter Rahmen für ein persönliches Thema ist davon gekennzeichnet, dass alle Beteiligten ausreichend Zeit haben und nicht „auf heißen Kohlen sitzen“, die nächste Bahn zu erreichen, einem Termin oder anderen zeitlichen Verpflichtungen nachkommen müssen. 

Eine ruhige Gesprächsatmosphäre ohne stärkere Störungen oder Ablenkungen helfen, sich auf das Gegenüber zu konzentrieren und auch die Emotionen des_r Anderen wahrnehmen zu können. Vielleicht gibt es eine Zeit am Tag, an dem die Kinder versorgt sind, nicht der spannende Krimi läuft oder unter Hochdruck ein Menü gekocht werden muss. 

Wem sag ich es zuerst?

Die Auswahl der Gesprächspartner_innen ist von großer Bedeutung und kann dabei zwei Mustern folgen: Vertrauen oder Dringlichkeit.

Zum ersten Mal gegenüber einer unbeteiligten Person über die eigenen Vorstellungen von Beziehungen und Sexualität zu sprechen ist für viele Menschen durch Unsicherheit und Sorge vor der Reaktion geprägt. Dabei muss man sich nicht zuerst den „schwersten Brocken“ aussuchen. Am besten beginnt man mit Personen die einem wohlgesonnen sind und von denen man eher erwartet, dass sie Verständnis aufbringen können. Das können Freunde sein, die z. B. in einer Großstadt leben und somit ein diverses Umfeld gewohnt sind. Vielleicht sind es aber auch sehr vertraute Menschen, mit denen schon andere intime Gedanken geteilt wurden. Eventuell gibt es auch diese Freunde, die immer flotte Sprüche über Flirts in petto haben und generell offener auftreten. 

Es kann auch einen konkreten Anlass geben der dazu führt das Thema gerade mit dieser Person zu besprechen. Ein Gedankenspiel: Sie fahren über das Wochenende in eine Stadt, um an einem Erotik-Event teilzunehmen und besuchen bei der Gelegenheit Freunde. Dabei werden Sie gefragt, was Sie abends noch vorhaben? Nun stehen Sie vor der Wahl eine Ausrede zu finden oder sich zu offenbaren. Aus so einer Gelegenheit, die eine unmittelbare und dringliche Entscheidung erfordert, kann ein öffnendes Gespräch entstehen. Sich mental sowohl auf geplante als auch auf ungeplanten Gespräche vorzubereiten ist generell sehr hilfreich. 

Was für ein schöner Augenblick, nach all diesen Gedanken mit sich im Reinen zu sein und den eigenen Liebesstil gefunden zu haben. Man könnte die Welt umarmen. Aber die Welt weiß ja vielleicht gar nichts davon…

Motivation erklären

Um ein Gespräch aufzubauen ist es von Vorteil dem Gegenüber zu vermitteln, warum es für einen selbst bedeutsam ist dieses Thema anzusprechen. Dabei kann vermittelt werden, dass das Gegenüber zum engen Kreis der Vertrauten zählt und es einem wichtig ist. Zu formulieren, dass man genau deshalb möchte, dass er_sie es direkt von einem selbst erfährt und nicht über Gerüchte, stärkt die Bedeutsamkeit der Beziehung: 

„Ich möchte mit dir über etwas sprechen, dass mir sehr wichtig ist. Da du eine der wichtigsten Personen in meinem Leben bist/ wir schon viel miteinander erlebt haben/ du dein ganzes Leben schon für mich da warst, ist es für mich unglaublich wichtig, dass ich mit dir darüber sprechen kann.“

„Wir sind schon so lange befreundet und ich möchte jetzt nicht damit anfangen Ausreden zu benutzen oder dich sogar anzulügen.“

Eine Formulierung wie „du bist mir wichtig“ ist besonders geeignet, um dem Menschen Wertschätzung entgegen zu bringen ohne dies von seiner Meinung abhängig zu machen. Wird  „deine Meinung ist mir wichtig“ benutzt, könnte das Gegenüber davon ableiten, dass man bei ablehnender Meinung sein Verhalten ändern wird. Das ist aber sicher nicht das Ziel des Gesprächs. 

Auch offen zuzugeben, dass man verunsichert ist ein Thema anzusprechen kann Türen öffnen: „Mir fällt es schwer das Thema anzusprechen, weil ich nicht weiß wie du darüber denkst. Ich habe auch etwas Angst davor gehabt, aber ich muss darüber sprechen.“ Das Gegenüber kann so besser einordnen, dass die Situation für beide ungewohnt und schwierig ist und vermeidet eine konfrontative Atmosphäre.

Katze aus dem Sack

Und dann geht es ans Eingemachte. Die richtigen Worte zu finden ist nicht einfach. Eine Möglichkeit besteht darin, mit Vergleichen zu arbeiten. So kann im Bereich Beziehungsanarchie und Polyamorie das gleichzeitige Vorhandensein von Gefühlen für mehrere Menschen damit verdeutlicht werden, dass Liebe kein begrenztes Gut ist. So lieben Eltern ihre Kinder unabhängig von der Anzahl gleichermaßen. Auch zu Freunden kann ein inniges Gefühl bestehen, dass ebenfalls als Liebe beschreiben werden kann. Im Glaubenskontext könnte ggf. der Vergleich hilfreich sein, dass Gott unbegrenzte Liebe für alle Menschen hat.

Wie bei so vielem im Leben sollte man auch bei der Erläuterung des individuellen Lebensmodells oder der Orientierung auf die eigenen Grenzen achten. Was will ich mitteilen und was lieber nicht? Gibt es ggf. sehr intime Details die angesprochen werden könnten? Wenn mehrere Partner_innen namentlich in der Erzählung auftauchen, sollten deren Grenzen vorher besprochen werden. Nur weil es für einen selbst ein guter Zeitpunkt für ein öffnendes Gespräch ist, kann das für jemand anderen noch zu früh sein. Konsens ist die Basis jeder guten Beziehung und schließt auch die „Veröffentlichung“ des Beziehungsmodells mit ein. Zu vermitteln, dass es um eine gemeinsame Entscheidung geht, mit der alle glücklich sind, kann für das Verständnis des Gegenübers hilfreich sein: „X und ich leben seit einiger Zeit in einer offenen/polyamoren Beziehung. Wir haben uns gemeinsam dafür entschieden und sind glücklich damit.“ 

Was diese Information auslöst ist sehr individuell. Das Spektrum reicht von bloßem zur Kenntnis nehmen ohne weiter darauf einzugehen, über Ablehnung, Verständnisfragen bis hin zu möglichen neugierigen Nachfragen. Ist man dazu bereit ist, Fragen zu dem Thema zu besprechen, sollte man das ruhig sagen. Viele Menschen wissen bei derart persönlichen Themen nicht ob es in Ordnung ist nachzufragen. Die Vorbereitung, auch auf Nachfragen, gibt Selbstsicherheit für weitere Gespräche. Hier gilt: Übung macht den Meister! Je häufiger einzelne Themen erklärt und darstellt werden, desto einfacher geht es einem von der Hand und bereitet gut auf die besagten „schweren Brocken“ vor. Da Menschen psychologisch dazu neigen sich die Welt logisch erklären zu wollen, werden sie ihre Wissenslücken möglicherweise mit den Assoziationen und Bildern füllen die sie kennen. Daher ist es wenig überraschend, dass so auch Klischees oder Vorurteile ihren Raum finden, ohne bösartig intendiert zu sein. Die Menschen dabei zu begleiten, Klischees aufzuklären und ihnen Zeit zu geben sich mit der neuen Situation vertraut zu machen, kann eine Weile dauern, aber auch zu einer neuen offenen Kommunikationsebene beitragen. 

Der Erfahrung nach ist die Menge der Menschen, die positiv oder neutral auf die Information reagiert sehr groß. Insbesondere dann wenn klar wird, dass man auf diese Art und Weise glücklich ist. Auch wenn es manchmal so scheint; man ist nicht allein mit der Situation und kann sich auch Rückhalt und Unterstützung der Community oder von professionellen Berater_innen holen. Diese helfen beim Umgang mit Unsicherheiten, überlegen gemeinsam Strategien, können eventuell gute Tipps geben, gemeinsam Erfolge feiern oder auch da sein, wenn ein Gespräch mal nicht so gut geklappt hat. Was hält einen also davon ab sich so zu zeigen wie man ist und das Doppelleben zu beenden? Manchmal brauch es nur einen wohlwollenden Schubs in die richtige Richtung, um den Stein ins Rollen zu bringen. Vielleicht ist es ja ein guter Vorsatz für das neue Jahr, der den Anstoß gibt.   

Auch der gemütliche Grillabend bei den Eltern mit den Nachbarn ist keine optimale Voraussetzung. In einer Gruppe verhalten sich Mensch häufig anders als alleine. Es könnte daher sein, dass die Reaktion auf die Neuigkeit durch den sozialen Kontext verändert wird. Vielleicht wird sie aus Irritation oder Scham auch gar nicht in einer Weise beachtet, die ihr gerecht wird. Dem Thema keinen zeitlichen Raum zu geben und es sprichwörtlich zwischen Tür und Angel anzusprechen ist eher ein Garant für Missverständnisse, als für Verständnis.

Ein guter Rahmen für ein persönliches Thema ist davon gekennzeichnet, dass alle Beteiligten ausreichend Zeit haben und nicht „auf heißen Kohlen sitzen“, die nächste Bahn zu erreichen, einem Termin oder anderen zeitlichen Verpflichtungen nachkommen müssen. 

Eine ruhige Gesprächsatmosphäre ohne stärkere Störungen oder Ablenkungen helfen, sich auf das Gegenüber zu konzentrieren und auch die Emotionen des_r Anderen wahrnehmen zu können. Vielleicht gibt es eine Zeit am Tag, an dem die Kinder versorgt sind, nicht der spannende Krimi läuft oder unter Hochdruck ein Menü gekocht werden muss. 

Ein Gastbeitrag von:

Andrea Buch

professionell. authentisch. frei

Als Psychologin, Sozialpädagogin und systemische Beraterin (i. A.) biete ich in meiner psychologischen Online-Praxis für alternative Beziehungsmodelle u. a. Beratung zu Themen wie offene Beziehung, Beziehungsanachie, Polyamorie, sex-positive Lebenswelt sowie den Bereich BDSM und Fetisch. In einem sicheren Raum begleite ich Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen, die in Kontakt mit diesen Themen gekommen sind, sich dafür interessieren, dorthin entwickeln wollen oder diese Aspekte bereits leben.

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