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Der Blog über Kinderwunsch, Sexualität und Partnerschaft

Liesel über das „Queer Nursing“

Beim Stillen können auch Freunde, Familie und Verwandte eine unterstützende Rolle einnehmen, nicht nur die gebärende Person!

Liesel Burisch ist Künstler*in, politische Aktivist*in, Dula und Autor*in von einem ganz besonderen Buch. Sie begleitet Gebärende nach der Geburt und schreibt darüber.

Worum geht es in dem Buch? Was hat es damit auf sich?

Liesel begleitet bei ihrer Arbeit auch Gebärende, die sich nicht zwangsläufig als Frau definieren. Es gibt eine klare gesellschaftliche Vorstellung über das Stillen. Für gebärende Menschen, die nicht in diese Vorstellungen hineinpassen, ist es schwierig sich zum Thema Stillen zu informieren und passende Informationen und Unterstützung zu finden. Denn für viele ist das Stillen eine Manifestation der Weiblichkeit, jedoch ist das nicht für alle der Fall. Trotzdem gibt es Menschen, die, auch wenn sie sich nicht mit dem Weiblichkeitsbegriff identifizieren, die Entscheidung treffen, Kinder zu bekommen. Da Liesel sich auch selbst als „queer“ definiert und dadurch ein besonderes Interesse an der Thematik hat, schrieb sie ein englische Buch über das Stillen namens: „Queer Nursing“. 

Ihr Buch stellt eine Sammlung von Informationen bereit, sozusagen ein „Starter-Kit“, um die Stillzeit gut zu überstehen. Es füllt eine Lücke, was aber nicht heißt, dass die Suche im Internet oder der Austausch mit Freunden und Verwandten komplett unnötig ist. Das Buch ist lediglich ein sicherer Hafen für diejenigen, die sich eben nicht mit dem gesellschaftlichen Bild des Stillens identifizieren. Ein besonderes Augenmerk liegt in Liesels Buch auf dem sogenannten „Phasing System“. Das ist eine bestimmte Art und Weise, wie die stillende Person mit dem Stillen anfangen und auch wieder aufhören kann, damit es möglichst friedlich abläuft. Dabei werden auch die mentalen Herausforderungen für die stillende Person und das Kind erläutert. Denn die sind durchaus nicht zu missachten. 

Da das Buch „Queer Nursing“ heißt, kommt natürlich die Frage auf: 

Für mich bedeutet es: Freiheit. Freiheit zur Selbstbestimmung, Freiheit zur Selbstidentifizierung, deswegen identifiziere ich mich als queer, weil es bedeutet eigentlich das, du fühlst dich nicht als Mann wohl und auch nicht als Frau wohl, also als queer könnte man sagen, das ist der komplette Spielraum zwischen den zweien.

Was genau bedeutet queer eigentlich?

Für mich bedeutet es: Freiheit. Freiheit zur Selbstbestimmung, Freiheit zur Selbstidentifizierung, deswegen identifiziere ich mich als queer, weil es bedeutet eigentlich das, du fühlst dich nicht als Mann wohl und auch nicht als Frau wohl, also als queer könnte man sagen, das ist der komplette Spielraum zwischen den zweien. Der Punkt ist, queer ist quasi alles was Frau und Mann nicht ist, alles dazwischen. Es gibt natürlich tausend andere Begrifflichkeiten wie zum Beispiel Intersex, die das noch weiter spezifizieren, aber im Endeffekt ist queer alles andere als Mann und Frau”, erklärt Liesel.

Wichtig zu wissen ist außerdem, dass „queer“ sich nicht auf die Geschlechtsorgane bezieht, sondern wie man sich in der Gesellschaft fühlt, beziehungsweise identifiziert. Queer beschreibt also den Raum zwischen dem gesellschaftlich typischen Männerbild und dem des typischen Frauenbildes. Dieser ist wertfrei, denn der Raum ist nicht schwarz oder weiß. Viele haben in diesem Zusammenhang vielleicht schon einmal den Begriff „LGBTQI+“ gehört. Liesel erklärt, dass LGB für sexuelle Orientierungen steht, T und Q hingegen stehen für eine Identität und das I+ steht für Intersex und alles dazwischen. Demnach hat Identität nicht direkt etwas mit der Sexualität zu tun, denn die Sexualität jedes einzelnen ist ein ganz eigenes Thema. 

„Wir wachsen damit auf, dass die Eltern oder die Gesellschaft entschieden haben, was für ein Geschlecht wir haben und somit muss man sich diesen Freiraum oft erkämpfen“, sagt Liesel. 

Liesel fühlte sich als Frau nicht wohl und ihr erster Gedanke war, dass sie vielleicht Trans ist. Doch es stellte sich heraus, dass sie sich auch damit nicht wohl fühlte. Heute ordnet sich sie dazwischen ein. 

Doch was sind nun die genauen Inhalte, mit denen sich Liesels Buch beschäftigt?

In ihrem Buch schreibt Liesel so inklusiv wie möglich. Sie spricht nicht nur die stillende Person direkt an, sondern auch die Unterstützung, die sie als „andere elterliche Figuren“ bezeichnet. Damit sind nicht nur Menschen, die sich als queer identifizieren gemeint, sondern auch allgemein Familien aller Größen und auch Alleinerziehende. Die kleinen Details waren Liesel dabei wichtig, da sie selbst nicht in einem progressiven Umfeld groß wurde. Auch in der Literatur musste sie feststellen, dass diese eigentlich immer von einer hetero Geburt ausgeht und dass die Frau gerne stillt. So wird oft der Eindruck erweckt, dass eine Frau, die es mit dem Stillen nicht schafft, „versagt“ hat und sich einer Hilfsgruppe zuwenden muss. Viele sehen das „Flasche geben“ als einen politischen Akt an. Stillen sei nicht einfach nur Stillen. Sie macht klar, dass ein gebärender Mensch nicht besser oder schlechter ist, weil dieser stillt oder nicht stillt, einen Kaiserschnitt bevorzugt oder adoptiert und Hormone zum Laktieren nimmt. In all das spielen mentale Elemente mit rein. In „Queer Nursing“ gibt es verschiedene Kapitel zu den verschiedenen Etappen und Stufen des Stillens. Vor allem geht es darum, dass die stillende Person sich ganz intensiv mit dem eigenen Körper beschäftigt. Dies kann Traumata triggern, denn manche haben vielleicht Brüste bekommen, andere ihre Brüste verloren und wiederum andere mögen ihre Brüste nicht und das, was mit ihnen in der Schwangerschaft passiert. 

Schon im Krankenhaus wird oft ein großer Druck auf Frauen und Paare beim Thema Stillen erzeugt. Dadurch wissen viele oft nicht mehr, was eigentlich richtig ist. In Liesels Buch werden viele Tabus gebrochen und offen darüber gesprochen. Denn obwohl es viele Studien dazu gibt, wie wichtig es ist, dass der stillende Mensch, von seinen Mitmenschen Unterstützung erhält, bleiben die Studien vage und gehen nicht ins Detail. 

Das Buch erklärt klar, was Freunde, Partner oder auch die Familie direkt tun können, mehr als nur den Solidaritätsbesuch. 

Ein weiterer Themenaspekt, der in Liesels Buch aufgegriffen wird, ist das Thema Eifersucht während der Stillzeit. Es kann passieren, dass die stillende Person Neid gegenüber der Beziehung des Partners mit dem Kind entwickelt. Denn die Beziehung zwischen der nicht-stillenden Person und dem Kind ist nicht von dem Stillen selbst abhängig. 

Zwar führt das Stillen zum „Bonding“. Aber dadurch verspüren die stillende Person, wie auch das Kind oft eine Trauer und einen Verlust, wenn mit dem Stillen aufgehört wird. Auch dazu finden sich in Liesels Buch einige Ratschläge, wie man am besten mit dem Stillen wieder aufhört. 

Es gibt verschiedene Phasen beim Stillen: die Vorbereitungsphase und die Stillphase (diese sollte ca. 6 Monate andauern und danach wird weiter geschaut). Wenn mit dem Stillen aufgehört wird, ist es wichtig in der nächsten Phase die Stillbeziehung mit dem Kind weiterhin aufrechtzuerhalten. Es ist gut, die Zweisamkeit beizubehalten, zum Beispiel jeden Tag 20 Minuten lang alleine mit dem Kind in den Garten zu gehen. Dadurch wird das Gefühl von Verlust etwas weniger intensiv, da man sich die Zeit nimmt, um die Beziehung zum Kind auch ohne das Stillen zu pflegen. 

Ein weiteres Tabuthema in der Stillzeit ist die Sexualität. Wer zu Stillen anfängt, für den kann es auch aufregend sein. Viele haben dadurch schnell Schuldgefühle, besonders dann, wenn das Kind ein anderes Geschlecht hat, als die stillende Person selbst. Andere wiederum ekeln sich davor, wenn beim Sex mit dem Partner, Milch aus ihrer Brust kommt. Es gibt unterschiedliche Formen von Scham in diesem Zusammenhang, wichtig ist es, sich zu fragen, woher diese Scham kommt und wie man sie loslassen kann, denn das sind alles ganz natürliche Prozesse. 

Der Körper macht in der Schwangerschaft und auch beim Stillen einiges durch. Es ist ganz normal auch in depressive Zustände zu fallen, nachdem man vielleicht wieder etwas Zeit für sich selbst hat und über all das nachdenkt. Gerade, wenn man sich selbst in der Zeit vernachlässigt hat und quasi nur für das Kind „zuständig“ war und vielleicht kein sensibles Umfeld um sich herum hat. Liesel möchte mit ihrem Buch erreichen, dass Menschen erkennen, dass sie die stillende Person unterstützen können. Schon Kleinigkeiten können wirklich helfen. Wie zum Beispiel ein Glas Wasser bringen, den Müll rausbringen oder eine Massage geben. Nicht jede Frau empfindet die Schwangerschaft als eine wunderschöne Zeit, wie es so oft vermittelt wird. Manche Frauen leiden unter den Veränderungen ihres Körpers und schämen sich dafür, dass ihr Bauch dicker wird oder sie Wassereinlagerungen in ihren Füßen bekommen.  

Es gibt unterschiedliche Formen von Scham in diesem Zusammenhang, wichtig ist es, sich zu fragen, woher diese Scham kommt und wie man sie loslassen kann, denn das sind alles ganz natürliche Prozesse.

Was macht Liesel eigentlich noch für Projekte, außer Bücher schreiben?

Liesel arbeitet an verschiedenen anderen Projekten, wie zum Beispiel Videoprojekten. Einmal machte sie ein Video über das Thema „Twerking“ und wieso Twerken etwas mit der Selbstbestimmung von Frauen und Sexismus zu tun hat. Sie gründete ihren eigenen Verlag namens „Gorilla Milk“, bei dem auch ihr Buch erschienen ist. Der Verlag basiert ebenfalls auf einem Kunstprojekt.

Es handelte sich dabei ursprünglich um ein Videoprojekt, bei dem es um einen Gorilla namens „Liesel“ geht, der in einem Zoo lebt. 

„Affen wird nach der Geburt für die Forschung zwangsweise Milch abgezapft. Als jemand, der ein Kind auf die Welt gebracht hat, beziehungsweise selbst stillt, kann man dies als sehr aggressiven Übergriff sehen“, sagt Liesel.

Auch die Autorin selbst hat ihre Milch gespendet und wollte, dass diese für verschiedene Zwecke genutzt werden kann. Zum Beispiel bei zu früh geborenen Kindern oder auch in der Forschung. Sie fand jedoch heraus, dass die Milch auf dem offenen Markt an Krebspatienten verkauft wird. Liesel identifiziert sich mit dem Gorilla Liesel. Sie beschäftigt sich generell viel mit dem Thema Identifikation und Projektion auf Tiere. Gorilla Liesel entwickelte Depressionen, sie hat schiefe Brüste und ihr wurden Gebärmutter sowie Eierstöcke entfernt. Daraufhin wurde sie von ihrem Stamm ausgeschlossen. In Liesels Videoprojekt besucht sie den Gorilla zusammen mit einer Youtuberin jede Woche und führt ein Gespräch mit der Bloggerin, die den Gorilla observiert. 

„Man muss das nicht im Zusammenhang sehen, aber man kann sich fragen, ob es Gorilla Liesel so schlecht gehen würde, wenn ihr Stamm ‚Queer nursing‘ gelesen hätte. Es geht eigentlich darum, ein Beispiel dafür anzubieten, was sehr viele Cis Frauen und ein paar Queere, in der Schwangerschaft mit sich tragen, wenn sie stillen, nachdem sie stillen, in der Menopause und so weiter“, erklärt Liesel. 

Viele ältere Frauen gaben Liesel das Feedback, sich mit dem Video identifizieren zu können, weil sie sich unsichtbar fühlen, wenn sie nicht länger Kinder zur Welt bringen können. Mit dem Video wird die Problematik durch den Gorilla Liesel klar. Liesel möchte mit ihren Projekten Informationen bereitstellen, die sonst nur in abgespeckter Form oder gar nicht zu finden sind. Damit auch Angehörige sich beim Thema Stillen, Geburt, Menopause etc. informieren können und dadurch besser unterstützen können. 

Das Video wurde in Belgien ausgestellt, um es online anzuschauen, kann man Gorilla Milk anschreiben und um einen Link bitten. 

Durch wunderbare Partner und fantastische viel zu späte Erfahrungen, ist es mittlerweile ein Raum, wie auch die Queere Identität, ein Raum der Freiheit und der Möglichkeit.

Was bedeutet Sex für Liesel persönlich?

“Ich glaube tatsächlich, dass ich viel Zeit mit der Auseinandersetzung verbringen musste, um das aus einem nicht-schmerzvollen Ort zu beantworten. Also ich glaube viele Jahre hatte ich keine Idee. Aber ich habe die gängige, beschissene Erfahrung gemacht, die viele Frauen durchmachen, beziehungsweise Menschen mit einer Vagina. Durch wunderbare Partner und fantastische viel zu späte Erfahrungen, ist es mittlerweile ein Raum, wie auch die Queere Identität, ein Raum der Freiheit und der Möglichkeit. Also am schönsten ist Sexualität und Sex, wenn man sich komplett frei und schuldfrei, überall hinbewegen darf und alles erforschen darf und wenn man das Glück hat, jemanden zu finden, der das mit einem macht”, antwortet Liesel.

Zum Schluss noch ein paar Empfehlungen und Tipps von Liesel, für alle Zuhörer*innen und Leser*innen:

“Ich würde gerne eine Performance auf der Popkultur Homepage empfehlen. Popkultur ist ein Festival in Berlin, das jetzt dieses Jahr online stattgefunden hat und alle Acts haben ihren Beitrag geleistet. Aber es gibt besonders einen Beitrag, den würde ich von Herzen empfehlen von einer Hamburger Künstlerin die heißt ‘Preach’ aber sie hat ein alias gegründet für das Popkultur Festival und nennt sich ’fatwholeburger’ und ihre Performance dauert eine halbe Stunde. Sie arbeitet mit zwei unfassbar tollen Performern zusammen und die Performance ist ein Traum. Die Musik ist cool und auf Deutsch und sie ist der Hammer, also das kann ich nur empfehlen.

Und was komplett anderes, ich kann ein Yoni Ei einfach nur sowas von Hardcore an alle Gebärenden mit einer empfehlen, das ist so ein Game Changer, kauf dir einen schönen Kristall, verschenk einen schönen Kristall. Das kann man schön auf dem Tisch liegen lassen, es juckt keinen, dass es da liegt und immer, wenn du Lust hast, kannst du dich ein bisschen trainierten, nach deiner Geburt oder das Gesicht damit massieren das geht auch”, sagt Liesel

Eros und Psyche - Der Podcast

Gast:

Liesel Burisch, Künstlerin und Authorin

Host:

Miriam Mottl, Frauenärztin und Sexualmediziner

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