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Der Blog über Sexualität, Liebe und Partnerschaft

Alles rund um den weiblichen Orgasmus wie entsteht er wirklich und welche Mythen gibt es?

 

Der „Mythos“ um den vaginalen Orgasmus entstand dadurch, dass Sigmund Freud zu seiner Zeit behauptete, dass Frauen, die einen klitoralen Orgasmus haben einen kindlichen Orgasmus hätten und nur reife Frauen deren Hysterie gelöst sei, einen vaginalen Orgasmus bekommen würden. Es gibt Überlieferungen, dass Frauen teilweise zur Hysterie Behandlung Zwangs- masturbiert wurden, um einen vaginalen Orgasmus zu haben. Dabei war der weibliche Orgasmus missverstanden und nicht wirklich erforscht.

Australische Forscher beschrieben in den 30er Jahren die Klitoris das erste Mal richtig. Die Klitoris sieht aus wie ein auf dem Kopf Stehendes V mit einem Köpfchen. Dort, wo sich die Schenkel trennen,  an den Innenseiten der Scheide und der Vulva, können diese Schenkel je nach der Menge des Bindegewebes und je nach Position stimuliert werden. Der oft benannte G-Punkt ist demnach nichts anderes, als die Trennung der Schenkel. Die Stimulation ist dabei zudem vom Bindegewebe abhängig, jeder Körper ist individuell genauso wie die Individualität der sexuellen Lust. 

In einer Studie von Grafenberg in den 1950er Jahren berichteten 80 % der befragten Frauen, dass sie keinen Orgasmus erfahren. Die Abwesenheit des weiblichen Orgasmus wird immer wieder betont. Dabei können Frauen die schon einmal ein Kind auf die Welt gebracht haben, sich leichter fallen lassen und leichter zum Orgasmus kommen. Die Theorie dahinter ist der enorme Kontrollverlust, der während einer Geburt stattfindet. Das unkontrollierte Zucken beim Orgasmus ist nicht mehr so angsteinflößend und kann genossen werden. Einer der Gründe für die Abwesenheit des Orgasmus ist die Angst vor Kontrollverlust. 

In einer Studie von Grafenberg in den 1950er Jahren berichteten 80 % der befragten Frauen, dass sie keinen Orgasmus erfahren.

Gibt es andere Gründe, keinen Orgasmus zu erleben?

Abgesehen von der Angst, einem psychologischen Faktor, kann es sein, dass die Stimulation mit dem jeweiligen Partner nicht passt. Ein großer Faktor ist dabei oft die fehlende Kommunikation. Ein weiterer Grund kann das fehlende Wissen über den weiblichen Orgasmus und wie dieser abläuft, sein. So wurde zum Beispiel die Klitoris noch nicht anatomisch dargestellt. Das, was eigentlich Allgemeinwissen sein sollte, ist teilweise immer noch ein Tabuthema. Daher habe ich extra hierfür einen Kurs entwickelt, in dem ich ausführlich auf die Anatomie und den weiblichen Orgasmus, Höhepunkt und Lust eingehe.


Im fortführenden Kurs gehe ich explizit auf die Kommunikation in der Partnerschaft und im Bett ein.

Wenn eine Frau einen Orgasmus hat, erlebt sie eine unwillkürliche Muskelzuckung im gesamten Genitalbereich. Auch der Beckenboden spielt hierbei eine Rolle. Der Beckenboden dient dazu, die Genitalien und alle Organe an Ort und Stelle zu halten, je schwächer also der Beckenboden ist, umso mehr Senkungen passieren im Körper (zum Beispiel eine Blasensenkung oder  eine Gebärmuttersenkung). Nach der Geburt machen viele Frauen Beckenbodentraining, denn durch die Schwangerschaft ist der Druck im Bauch auf den Muskel größer. Der Orgasmus kann intensiver werden, wenn der Beckenboden entspannt ist und angespannt wird. Wenn der Beckenboden angespannt wird, kann die Penetration ohne viel Aufwand lustvoller werden.

Jede Frau kann dies selbst testen, indem sie einen oder zwei Finger in die Scheide steckt und den Beckenboden zusammenkneift. Es wird automatisch enger. Beim Sex kann dies sehr lustvoll für beide sein, den Beckenboden parallel zu den Stoßbewegungen anzuspannen. Durch Beckenbodentraining wird die Durchblutung gefördert und die Stimulation kann kontrolliert ausgeübt werden. 

Doch warum gibt es den weiblichen Orgasmus überhaupt? Gibt es eine evolutionäre Funktion?

Die Wissenschaft ist sich nicht einig. Die Biologin Elisabeth Lloyd behauptet in ihrem Werk: „The Case of the Female Orgasm. Bias in the Science of Evolution”,  dass sie nicht genügend Beweise für eine Sinnhaftigkeit sehe und sie beschreibt den weiblichen Orgasmus eher als ein Nebenprodukt. Eine andere Studie jedoch spricht von einem Saug-Mechanismus der während des weiblichen Orgasmus das Zurückhalten von Spermien begünstigen soll.

Während der Erregungsphase ist die Scheide sozusagen wie ein Schlauch der aufeinanderliegt. Wenn sie erregt ist, bricht die Gebärmutter nach oben und es öffnet sich ein sogenanntes Vaginal Zelt. Der Muttermund (Zervix) drückt auf diese Stelle und berührt die Vagina. Normalerweise haben die Spermien hinten in dem Vaginal Zelt Platz und wenn der Orgasmus vorbei ist, löst sich durch die Kontraktion der sogenannte Zervixschleim. Die Zervix landet zusammen mit dem Schleim und dem Sperma im Vaginal Zelt obendrauf. Die Vagina berührt die Zervix und dadurch  können die Spermien viel besser nach Oben schwimmen. Durch die unwillkürlichen Muskelzuckungen beim weiblichen Orgasmus ist es einfacher für die Spermien an den „richtigen“ Ort zu gelangen. 

Außerdem verändert sich der PH Wert der Scheide, wenn die Frau erregt ist, wodurch die Spermien besser überleben können. Die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung ist demnach größer, wenn die Frau während dem Sex erregt ist. 

Zudem kann der Orgasmus zu der Bindung mit dem Partner beitragen. Je schöner und intensiver der Orgasmus ist, desto besser ist das Gefühl mit dem jeweiligen Partner. In einem Experiment von Hohlstege und Wilhelm von 2013 untersuchte man, was während des Orgasmus mit der Hypophyse passiert. Die Hypophyse schüttet unter anderem das Hormon Oxytocin aus, ein Bindungshormon. Man fand während des Experiments heraus, dass die aktivsten Hypophysen bei Frauen zu finden waren, die gerade einen Orgasmus hatten, beziehungsweise während der Orgasmus erlebt wird.




Fakt ist: Der Orgasmus passiert nicht nur in den Genitalien, sondern spielt sich auch zu einem enormen Teil im Gehirn ab.

Was passiert denn überhaupt im Gehirn während des Orgasmus?

Eine Studie von 2019 untersuchte welche Hirnareale während des Orgasmus  aktiviert werden und welche Hormone ausgeschüttet werden. Das Ergebnis war, dass während der „leidenschaftlichen Liebe“ und des tatsächlichen Orgasmus eine enorme Dopamin und Oxytocin Ausschüttung stattfindet, während die Serotonin Level sinken. Oxytocin wird zum Beispiel unter anderem auch beim Kuscheln ausgeschüttet. 

Fakt ist: Der Orgasmus passiert nicht nur in den Genitalien, sondern spielt sich auch zu einem enormen Teil im Gehirn ab. 

Welche Rolle spielt eigentlich der Partner? Wie sehr kommt es auch darauf an?

Die Erregung steigt, wenn der Partner erregt ist und dadurch kann man schneller in den Orgasmus kommen. Neben der Erregung spielt aber auch Vertrauen eine große Rolle. Das Vertrauen hat etwas mit dem Partner zu tun, hängt aber auch mit Kindheitserfahrungen und der Bindungsfähigkeit der Frau zusammen. Vielen Frauen, die bereits negative Erfahrungen in Beziehungen gemacht haben, fällt es schwerer sich wieder fallen zu lassen und dadurch auch zum Orgasmus zu kommen. Denn der Orgasmus der Frau ist etwas sehr verletzliches. Es ist der absolute Kontrollverlust, der einem anderen Menschen gezeigt wird. Ob die jeweilige Frau das zulassen möchte, hängt dementsprechend auch mit dem Partner zusammen. 

Gibt es äußerliche Züge beim Mann in einer heterosexuellen Partnerschaft, die zum Orgasmus der Frau beitragen?

In einer Studie von 2012 wurden Frauen zu diesem Thema befragt. Das Ergebnis war, dass Männer, die dominantere Gesichtszüge haben sowie ein dominantes Verhalten aufzeigen, von den befragten Frauen als attraktiver eingestuft wurden. Zusätzlichen sagten die Frauen aus, dass sie mit diesen Männern auch mehr Orgasmen hätten. Außerdem seien die Orgasmen intensiver, wenn beide zusammen kommen. Doch wie sehr ist diese Vorstellung von der Gesellschaft, Filmen und Pornos beeinflusst? Die wenigsten Paare oder Sexpartner kommen tatsächlich gemeinsam zum Orgasmus. Nur selten kommen Paare zusammen und es wäre auch sehr stresshaft, dies jedes Mal zu planen. In vielen Partnerschaften läuft es daher so ab, dass die Frau zuerst kommt und danach der Mann.

Wenn der Partner den anderen jedoch so gut kennt und weiß, wenn dieser kurz vorm Orgasmus steht, kann das zu einer tieferen Bindung führen, da der andere Partner sich dadurch gesehen fühlt.

Ein erfülltes Sexleben besteht zu 90 % aus guter Kommunikation mit dem Partner.

Gibt es einen bestimmten Typ Frau, der leichter zum Orgasmus kommt?

Eine Studie fand heraus das Frauen, die hohe Werte in Extraversion aufzeigen, eine positive Einstellung zu Mastubation haben und positive sexuelle Erfahrungen hatten, leichter zum Orgasmus mit einem Partner kommen. Dies hängt zudem auch mit einer Offenheit zusammen und einer Neugier Dinge ausprobieren zu wollen. Ob introvertiert oder extrovertiert, eines steht jedenfalls fest: Ein erfülltes Sexleben besteht zu 90 % aus guter Kommunikation mit dem Partner. Diese kann sich  dadurch verbessern, wenn der Partner weiß, in welchen Phasen der weibliche Orgasmus überhaupt abläuft.

Es gibt vier Phasen des weiblichen Orgasmus:

  1. Die Erregungsphase: Das ist die Phase, in der die Frau merkt, dass sie erregt ist. Die ersten Vorbereitungen im Körper finden statt.
  2. Die Plateauphase: Die Durchblutung verbessert sich und die Scheide wird feuchter. Diese Phase kann zur Phase 3 umschlagen.
  3. Die Orgasmusphase: Die Frau kommt zum Höhepunkt, sie erlebt unwillkürliche Muskelzuckungen und Oxytocin wird ausgeschüttet. 
  4. Die Ruhephase: Der Körper entspannt sich.

Genau diese vier Phasen macht übrigens auch der Mann beim Orgasmus durch. Es ist nichts anderes als bei der Frau. Allerdings kann die Erregungsphase der Frau deutlich länger andauern als beim Mann. Bei den meisten Frauen entsteht die Erregung nicht spontan, sondern darf in beiderseitigem Einverständnis „herausgelockt“ werden. 

Wichtig ist, wenn eine Erregung vorhanden ist, dass dem Sex eine Chance geben wird und Spaß am Orgasmus zu haben. 

Möchtest Du mehr über Deinen Orgasmus lernen? Dann schau bei meinen Kursen vorbei. 

Miriam Mottl, Frauenärztin und Sexualmediziner

Mehr zu dem Thema auch bei Eros und Psyche - Der Podcast

Literatur:

– Huynh, H. K., Willemsen, A. T., & Holstege, G. (2013). Female orgasm but not male ejaculation activates the pituitary. A PET-neuro-imaging study. Neuroimage, 76, 178-182.

– Wise, N. J., Frangos, E., & Komisaruk, B. R. (2017). Brain activity unique to orgasm in women: An fMRI analysis. The journal of sexual medicine, 14(11), 1380-1391.

– Sayin, H. Ü., & Schenck, C. H. (2019). Neuroanatomy and neurochemistry of sexual desire, pleasure, love and orgasm. SexuS Journal Winter.

– Puts, D. A., Welling, L. L., Burriss, R. P., & Dawood, K. (2012). Men’s masculinity and attractiveness predict their female partners’ reported orgasm frequency and timing. Evolution and Human Behavior, 33(1), 1-9.

– Baker, R. R., & Bellis, M. A. (1993). Human sperm competition: Ejaculate adjustment by males and the function of masturbation. Animal behaviour, 46(5), 861-885.

– Graber, B., & Kline-Graber, G. (1979). Female orgasm: role of pubococcygeus muscle. The Journal of clinical psychiatry, 40(8), 348-351.

– Grafenberg, Ernst. “The role of the urethra in female orgasm.” Int J Sexol 3, no. 2 (1950): 146.

– Lloyd, Elisabeth Anne. The case of the female orgasm: Bias in the science of evolution. Harvard University Press, 2009.

– Bentler, P. M., & Peeler, W. H. (1979). Models of female orgasm. Archives of Sexual Behavior, 8(5), 405-423.



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